Was ist Supervision?
Wir alle kommen während der Ausübung unseres schweren Berufes in Situationen, in denen wir meinen, das etwas nicht stimmt, das etwas nicht so gut läuft, wo wir der Meinung sind Fehler zu begehen oder meinen diese zu machen. Wir kommen auch in Situationen, in denen unsere Frustrationstoleranz niedrig ist, in denen wir unschlüssig oder unfreundlich zu Bewohnern und/ oder zu deren Angehörigen sind.
Wir alle wissen, das die “Weiterleitung” dieser (hoffentlich) zeitlich begrenzten negativen Stimmung an andere Menschen wie Kollegen, Bewohner und Angehörige völlig zu Unrecht geschieht, aber auch wir sind nur Menschen. Und eben, weil auch wir nur Menschen sind, haben besorgte Mitmenschen eine Möglichkeit geschaffen, eine Art Ventil für negative Arbeitseinflüsse zu schaffen und ihr den fürchterlichen und abschreckenden Namen “Supervision” gegeben. Dabei kann gerade die Supervision wirklich viel leisten.
Supervisionen bieten die Möglichkeit
eine (unklare, oft mit Konflikten besetzte) Situation, deren Thema, Personen und Prozesse, genauer zu betrachten,
dabei den Blick auch hinter die Kulissen eines oft nebulösen Geschehens zu wagen,
"schnelle" Oberflächen- Erklärungen, sowie Haltungen und Verhaltensweisen nach und nach mit besseren abzustimmen.
Hierbei geht es NICHT um Perfektion, es geht um die eigene, schärfere Wahrnehmung, um Reflexion und Erkenntnisse.

Es geht um Antworten und Selbst- Verantwortung.
Es geht um gute eigene Ergebnisse und die einer Organisation, um gemeinsame Ergebnisse von Teams.
Es geht um' s Lernen- Können, damit "eingeschliffene" Muster sich nicht ständig wiederholen.
Es geht darum, suchend und neugierig, auch sich selbst noch ein bisschen mehr "auf die Spur" zu kommen, damit man nicht allzu sehr über die eigenen Fall-Stricke stolpert und über die von anderen. Fallstricke sind meist gut getarnt.
Es geht auch darum, zu sehen, wann man selbst die Fallstricke auslegt - für sich selbst oder andere!
Supervisionen sind prüfend- klärende, berufsbezogene und/ oder eigene persönliche, Fall- Bearbeitungen, die, entsprechend des individuell vereinbarten Arbeitsbündnisses, Probleme oder Lösungen fokussieren.
Supervisionen sind im Sinne eines kollegialen Feedbacks zu verstehen.
Supervisionen geben "die Bühne frei" zur Rekonstruktion eines Geschehens.

    Supervision

  • ist eine Form berufsbegleitender Beratungs-, Bildungs- und Betreuungsarbeit, die als Ziel die Erweiterung der beruflichen Handlungskompetenz und die befriedigende Gestaltung von Arbeitsbeziehungen anstrebt.
  • bietet eine differenzierte Betrachtung des Arbeitsfeldes mit seinen Strukturen, Wirkungsweisen und Problemstellungen an.
  • gewährleistet die persönlich- berufliche Weiterentwicklung und Qualifizierung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.
  • fördert kreatives Denken. Es können dadurch neue berufliche Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten entdeckt und erprobt werden.
Wann sollten Wir uns selber eingestehen, dass es endlich Zeit wird an einer Supervision teilzunehmen?
Der Zeitpunkt hierfür ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Oft spielt der Charakter des Menschen eine große Rolle dabei. Weitere Einflüsse sind die Biographie des Menschen, seine Stellung im Kollektiv, seine Belastbarkeit, sein privates Umfeld und noch viele andere.
Im Folgenden werde ich einige typische Beispiele als Anhaltspunkte benennen, die es Wert sind zu hinterfragen, ob es nicht langsam Zeit wird, eine Supervision, gleich welcher Art, als Hilfe für sich selbst und als Hilfe für andere, in Anspruch zu nehmen.
1. Gedankenlosigkeit:
* Eine Freundin erzählte mir eine hübsche Geschichte von Gedankenlosigkeit. Eine Frau wollte einen Schmorbraten machen. Bevor sie ihn in den Topf legte, schnitt sie eine kleine Scheibe davon ab. Als sie gefragt wurde, warum sie das tue, hielt sie inne, wurde ein bisschen verlegen und sagte, das tue sie, weil ihre Mutter es mit Schmorbraten auch immer so gemacht habe. Sie war jetzt selbst neugierig geworden und rief ihre Mutter an, um zu fragen, warum sie immer eine Scheibe Fleisch abschnitt. Die Antwort war dieselbe: ”Weil meine Mutter das auch immer so gemacht hat.” Schließlich rief sie, weil sie eine sinnvollere Antwort haben wollte, ihre Großmutter an und fragte sie dasselbe. Ohne zu zögern antwortete die Großmutter: “Weil der Braten sonst nicht in meinen Topf gepasst hätte”.
*Ellen J. Langer: “Aktives Denken”, Rowohlt Verlag GmbH 1991, S.55/56
 * Einmal reichte ich in einem kleinen Kaufhaus der Kassiererin eine neue Kreditkarte. Sie bemerkte, dass ich sie noch nicht unterschrieben hatte, und gab sie mir zurück, damit ich das nachholte. Dann nahm sie meine Karte, ließ sie durch ihre Maschine laufen, reichte mir das ausgedruckte Formular und bat mich, es zu unterschreiben. Ich tat es. Jetzt hielt die Kassiererin das Formular neben die eben erst unterschriebene Kreditkarte, um die Unterschriften zu vergleichen.
*Ellen J. Langer: “Aktives Denken”, Rowohlt Verlag GmbH 1991, S.23
Die oben aufgeführten Beispiele für die alltäglich auftretende Gedankenlosigkeit mögen ja noch recht harmlose Auswirkungen haben, ganz im Gegenteil wir können sogar noch darüber lachen.
Was aber passiert, wenn Gedankenlosigkeit in unserem Beruf auftritt. Hier kann Gedankenlosigkeit fatale Folgen für die Gesundheit unserer Bewohner nach sich ziehen.
Ein Beispiel dafür ist die Unsitte, einen bettlägrigen Bewohner der schon eine Antidekubitusmatratze hat,  das Bett mit Lagerungskissen nur so vollzustopfen. In dem Glauben, den Bewohner etwas gutes tun zu wollen, wird bei einem solchen verschwenderischen Umgang mit Kissen aller Größenordnungen vergessen, das viel, nicht immer viel hilft. In diesen Fällen frage ich mich immer wieder, wozu der Bewohner überhaupt eine teure Antidekubitusmatratze hat. Jedes Kopfkissen, ja jedes Wäschestück, das sich zwischen der Antidekubitusmatratze und dem Körper des Bewohners befindet, verringert den Wirkungsgrad der Matratze im höchsten Maße. An diesem Beispiel sehen wir, das Gedankenlosigkeit in unserem Beruf leider auch gefährliche Folgen haben kann. Also bitte die Lagerung mit zusätzlichen Kissen, nur dort wo es angebracht ist (z. B. bei Apoplex).
Noch ein Beispiel für Gedankenlosigkeit bei der Lagerung des Bewohners ist die Tatsache, das bei der Seitenlagerung das Kopfteil häufig “hochgefahren” wird, es sieht ja so bequem aus. Leider ein folgenschwerer Irrtum. Probieren Sie es doch mal selber aus (in der Pause, bei einer Weiterbildung), legen Sie sich in ein Pflegebett, dessen Kopfteil c a. 30% Neigung hat auf die Seite. Schon nach kurzer Zeit können Sie es nicht mehr aushalten, Sie werden immer unruhiger, ja es fängt an zu schmerzen. Na ein Glück, das Sie sich noch alleine drehen können.
Noch einmal kurz zurück zu der “Kissenproblematik”. Es gibt ja tatsächlich noch Bezüge mit einer Knopfleiste. Denken Sie bitte bei der Lagerung daran, das die Knöpfe nicht mit der Haut des Bewohners in Kontakt treten. Viele von Ihnen werden jetzt vielleicht ein leichtes Grinsen auf den Lippen haben, aber bitte nicht so voreilig, oft genug habe ich schon die “schönsten Muster” auf der Haut der Bewohner gesehen.
2. Oberflächlichkeit:
  • “Hinter dem Sichtbaren verbergen sich geheimnisvolle Rätsel.”
  • “Hinter dem Augenscheinlichen liegt noch eine andere Wahrheit.”
Sicherlich werden Sie sich jetzt fragen was das soll.
Oft hört man von Mitarbeitern über eine Stationsleitung den folgenden Spruch: “Die hat sich ja schon wieder verdrückt und versteckt sich nun hinter ihre Schreibarbeiten.” Das ist eine häufige Beurteilung einer oberflächlich betrachteten Situation. Die Mitarbeiter nehmen sich das Recht heraus, von einer rein visuellen Situation auf die Arbeitsmoral der Stationsleitung schließen zu können. Spätestens hier ist es dringend notwendig diesem Treiben einen Einhalt zu gebieten. Stellen wir uns doch mal die Frage, welche Rätsel verbergen sich denn hinter dem Sichtbaren, welche Wahrheit liegt hinter dem Augenscheinlichen. Das Augenscheinliche in diesem Fall ist doch die Tatsache, dass die Mitarbeiter schwere körperliche Anstrengungen während der Pflege auf sich nehmen, während in der Zwischenzeit die Stationsleitung nur “irgendwelchen Schreib- und telefonkram” erledigt. Erst wenn wir uns die Mühe geben hinter diesem Augenscheinlichen zu sehen stellen wir plötzlich fest, die (Stationsleitung) arbeitet ja auch. Und wenn wir noch tiefgründiger an diese Sache herangehen, kommen wir bald zur Erkenntnis, mit der (Stationsleitung) will ich nicht tauschen. Die Realität, wenn wir sie denn in der Lage sind zu erkennen, öffnet uns schnell die Augen. Was wir sehen werden ist die Tatsache, das sich die Stationsleitung um alles kümmern muss, da will die Heimleitung irgendwelche Stellungsnahmen, hier meldet sich das MDK zur Begutachtung an, zwischendurch müssen irgendwelche Abrechnungen auf deren Richtigkeit geprüft werden, der Bestand an IKM muss durch eine Bestellung, verbunden mit viel Schreibkram, neu aufgefrischt werden, Angehörige erkundigen sich pausenlos nach ihren Liebsten, Angehörige beschweren sich wegen jeder “Kleinigkeit”, es müssen Pflegevisiten durchgeführt werden, dann will alle halbe Stunde die PDL irgendwelche Informationen haben und dann kommt auch noch der Heimleiter in guter Absicht, sich über die Zufriedenheit der Mitarbeiter ein Bild machen zu wollen und merkt nicht mal, das er bloß alle bei der Arbeit aufhält (ist nicht böse gemeint liebe Heimleiter). Nun habe ich mal einen kleinen Einblick über die Arbeit der Stationsleitung gegeben und um es mal ganz krass zu sagen: “Die Stationsleitung ist leider der Schuhabtreter der Nation.”
Und so können wir, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, davon ausgehen, das sich hinter vielen ähnlichen Situationen, die Oberflächlich betrachtet den Anschein einer “Flucht” vor Arbeit hat, in Wirklichkeit viel mit Arbeit verbunden ist. Beispiele dafür sind die Tätigkeiten des diensthabenden Schichtleiters (häufig im Spätdienst, wo sie/ er zum Hauptansprechpartner von Ärzten und Angehörigen wird) und es gar nicht vermeidbar ist, das sie/ er an der unmittelbaren Pflege der Bewohner teilweise nicht teilhaben können.